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Heilung eines Gelähmten / Heiltechnik des Herzens
Textstellen aus dem Buch: Essener Erinnerungen - Die spirituellen
Lehren Jesu - von Anne und Daniel Meurois-Givaudan Seite 195-199:
" -Wohin führst du mich?
- Zu meinem Sohn, Rabbi. Schon seit zwei Tagen suche ich dich. Die Fischer
und Händler sagen, du seist der von den alten Prophezeiungen verkündete
Messias. Sie sagen, du könntest alles ... alles.
Der Mann, der ungefähr vierzig Jahre alt war, begann zu zittern; das
Weiterreden fiel ihm schwer.
- Seit zwei Jahren kann mein Sohn nicht mehr gehen ... Ich dachte,
vielleicht könntest du den Ewigen bitten ...
Der Meister sah ihn genau an, lächtelte ihm zu und sagte nur:
- Nun, Hauptsache ist, dass du selbst schon den Ewigen gebeten hast ...
Der Mann war sichtlich verstört und konnte uns nur noch mit verworrenen
Gesten den Weg zu seiner Wohnung zeigen. So schlug unsere kleine Gruppe
wieder den Weg nach Kapernaum ein, von dem wir nicht allzuweit entfernt
waren. Der Meister ging an der Spitze; manchmal liefen die drei Männer vor
ihm her, die ihn um Hilfe gebeten hatten und die nicht wußten, wie sie
sich verhalten sollten. Wir wollten den Meister mit den vier Brüdern, die
er uns vorgestellt hatte, allein lassen und blieben lieber etwas zurück.
Zuweilen jedoch wandte er sich um und warf uns einen aufmunternden Blick
zu, der voll unendlicher Zärtlichkeit war. Was wollten wir mehr? Wir
hätten ganze Zeitalter, eine Ewigkeit hinter ihm herwandern können; alles
andere konnte warten, denn er war da. Sicher erscheinen diese Worte heute
naiv. Aber hat ein Wort je ein Gefühl beschreiben können? Ist es nicht
immer nur ein entfernter Abglanz der erlebten Wirklichkeit?
Der Morgen neigte sich seinem Ende zu, als sich zunächst die ärmlichen
Lehmbauten, dann die reicheren Gebäude Kapernaums vor uns abzeichneten.
Eine Schar in Lumpen gehüllter Kinder, die anscheinend unser Ziel kannte,
lief uns entgegen und führte uns durch das Gewirr der Gassen, vorbei an
den Häusern der Sadduzäer mit ihren beeindruckenden Reihen von
Marmorsäulen. Es gefiel uns, so durch die Stadt zu wandern, über der sich
strahlendblau der Himmel wölbte. Schließlich erreichten wir einen engen
Durchgang hinter der Synagoge. Die drei Männer blieben vor einem ziemlich
großen Haus stehen und zeigten auf eine breite Leiter, die zur Terrasse
führte. Der Meister stieg sofort hinauf; wir folgten ihm. Die Terrasse war
geräumig; breite Tonschalen, die überbordeten von weißen und violetten
Blütentrauben, dienten als Einfassung. Ein herrlicher Blick öffnete sich
auf das Galiläische Meer, dessen Wellen stellenweise silbrig glänzten.
Mehrere Leitern führten zu anderen Terrassen und ins Innere des Hauses.
Aber weiter brauchten wir nicht zu gehen: die drei Männer begleiteten den
Meister zu einer Ecke, wo im Schutz von zwei hohen Lehmmauern ein aus
Kordeln gefertigtes Bett stand. Dort lag ein junger, ungefähr
zwanzigjähriger Mann und stützte sich auf die Unterarme.
- Seit zwei Jahren ist es schon so, sagte einer der Männer und trat vor.
Er hatte sehr starke Fieberanfälle, und danach konnte er nie wieder
aufstehen oder gehen.
Der junge Mann begnügte sich damit, uns lächenlnd zu grüßen;
offensichtlich wußte er nicht, wer die große weiße Gestalt war, die
bereits seine Hand ergriffen hatte. Als der Meister jedoch neben ihm
niederkniete, wurde sein Blick fragend, ja bewegt. Wer waren diese
Nazarener, die seine Schwelle überschritten hatten?
Wir sahen, wie der Meister seine linke Hand zum Herzen führte, während er
mit der rechten die Hand des jungen Mannes noch fester drückte. Er schloß
die Augen. Der Gelähmte streckte sich plötzlich aus; es war, als habe
irgendein Stoß, eine Erschütterung ihn dazu gezwungen. Ein Schauder
durchlief seinen Körper. Wie es in der Bruderschaft in solchen Fällen
üblich war, hielten wir uns bereit, einen Gesang anzustimmen, um dem
Meister zu helfen, aber schon hatte dieser das Handgelenk losgelassen und
die Augen geöffnet. Der junge Mann stützte sich wieder auf die Ellenbogen;
aus seinen Augenwinkeln perlten Tränen. Er tat, als wundere er sich
darüber, indem er leise lächelte und die Augenbrauen hochzog, aber sein
aschfahles Gesicht zeigte, wie aufgewühlt er innerlich war.
Da erhob sich der Meister und rief gebieterisch:
- Komm!
Seine Stimme hallte über den benachbarten Terrassen, auf denen sich kleine
Gruppen von Männern und Frauen gebildet hatten. Von konvulsivischen
Schaudern geschüttelt, setzte der junge Mann beide Füße auf den Boden und
richtete sich mit einer letzten Anstrengung auf.
Die Stille, die nun herrschte, schien sich über die ganze Stadt zu legen.
Sogar das gellende Schreien der über dem See dahinfliegenden Vogelschwärme
war verstummt.
Ruckweise tat er einen Schritt, dann zwei, und schließlich begann er,
kreuz und quer auf der ganzen Terrasse umherzugehen; sein Blick war der
eines Kindes, das gerade laufen lernt.
Auf den benachbarten Dächern brach offene Freude aus; wir hörten, wie die
Nachricht von Gasse zu Gasse weitergegeben wurde. Der Hausherr, sein Sohn
und wir selbst blieben stumm. Wir hatten das Ereignis zu hautnah miterlebt
und erfaßten seine Bedeutung noch gar nicht.
Einer der Männer, die uns hergeleitet hatten, stammelte schließlich.
- Rabbi, Rabbi! ...
- Behalte dies wohl; wenn ein einziger Mann meinen Vater um etwas bittet,
so wird er erhört werden, wenn drei Männer in ihrem Herzen eins sind und
in meinem Namen um etwas bitten, so wird ihr Wunsch sich verwirklichen...
Das versichere ich dir!
Der Meister lächtelte, umarmte die drei Männer, die ihn gesucht
hatten und ging, ohne sich weiter aufzuhalten, zur Leiter. Ich hatte das
Gefühl, als
sei mein Geist ganz leer. Es gelang mir nicht, auch nur den geringsten
zusammenhängenden Gedankengang zu formulieren. Wir folgten alle dem
Meister, und nach kurzer Zeit waren wir wieder in der Gasse, wo uns eine
ausgelassene, lärmende Menge umringte.
Was war da eigentlich vor sich gegangen? Sicher hatten Simon und ich schon
Wunder gesehen, sicher hatten wir in den langen Jahren der Krankenpflege
schon Heilungen dieser Art erlebt, bei denen ein meist betagter Bruder die
Hand auf die Stirn des Kranken legte und lange betete. Sicher wußten wir,
dass der Geist allmächtig ist, es war uns hinter jeder Biegung eines
Weges, hinter jedem Hügel von Galiläa und Judäa vielfach bewiesen worden.
Aber dass jemand die reinste Liebesstrahlung so leicht, so schnell und
scheinbar ohne jede Technik aussandte ... das machte mich sprachlos; und
dann dieser Blick, der geradewegs ins Innerste ging!
Es war nicht einfach, der wachsenden Menge zu entkommen. Wie hatte die
Nachricht sich so schnell verbreiten können? Ich dachte an einen von den
Männer und Frauen vernommenen inneren Ruf, an eine intuitive Eingebung,
die ihnen vielleicht zugeraunt hatte: " Seid dort! Dort müßt ihr sein! "
Ohne dass wir dies wollten, wurden wir aufgrund unserer langen weißen
Gewänder mit dem Wunder, das soeben geschehen war, in Verbindung
gebracht." ...
..." - Meister, dieses Wunder ...
- Welches Wunder, Simon?
Die ruhige Antwort verschlug uns die Sprache.
- Hast du die Lehren des Karmel so schnell vergessen? Über dem, was der
Vater mich heute tun läßt, darfst du nicht vergessen, dass die
Naturgesetze für jeden von uns gleich sind. Das wahre, das einzige Wunder
ist das Leben, das wir atmen; das einzig Traurige ist, dass nicht alle
Wesen der Erde es wissen. Sie gehen durch es hindurch, ohne die vielen
kleinen Keime aufzunehmen, die nur darauf warten, ihre Heilwirkung zu
entfalten. Nur der, dessen Herz blind ist, glaubt an ein Wunder.
Überschäumend brodelt alle Kraft der Welt in eurer Reichweite. Manchmal,
wenn ihr betet oder meditiert, seht ihr, wie sie tief in eurer Brust
aufstrahlt. Gebt eurem Herzen einen Willen, gebt ihm Hände, dann lenkt ihr
es dorthin, wo es gebraucht wird und handelt angemessen. Ihr könnt es
nicht mit dem Verstand lenken, es widersetzt sich jedem Befehl. Ich sage
euch, wenn ihr die Strahlungen des Lebens handhaben wollt, müßt ihr zu
seinem ewigen Geliebten werden, ihr müsst es selbst sein, ohne zurück oder
zur Seite zu schauen. Nehmt soviel ihr wollt, meine Brüder, denn der Vater
hat euch die lebensspendende Kraft in dem riesigen kosmischen Reservoir
zur Verfügung gestellt, das euch umgibt. Nur euer Bewußtsein, ein kleines,
von anderen getrenntes Wesen zu sein, und euer zu stark analysierender
Verstand hindern euch daran, sie blitzartig zu erfassen und der wartenden
Materie einzuhauchen.
Vergeßt meine Worte nicht! Eine Technik übt den Körper und den Verstand,
sie kann den Gang der Ereignisse und die Wesen ändern, aber wie lange
braucht sie? Ihr könnt sie bis zu einer gewissen Stufe verfolgen ... und
dann vielleicht die Technik des Herzens anziehen. Nur das Herz ist
allmächtig, immer. Der Mensch kann es ersticken oder auf es hören. Oft
genug allerdings glaubt er nur, ihm zuzuhören, während er es in
Wirklichkeit unter den tausend Gründen und Entschuldigungen der Vernunft
kaum atmen läßt. Ihr wißt, dass ich nicht von dem Herzen spreche, das in
uns im Rhythmus der Alterssufen schlägt. Ich spreche von der inneren
Sonne, die uns mit der Kette der jenseitigen Welten verbindet. Ihr seid im
Universum des Seins, Brüder, seid ab jetzt in dem des Werdens. Reißt eure
Schranken ein, denn die unterwerfen euch eine Zeitlang den ausgeübten
Techniken und der Zeit.
Wenn ihr bittet, dann kümmert euch nicht um die Antwort, denn die Antwort
ist immer gleich: Ja. Euch und jedem anderen Menschen wird die Kraft
meines Vaters bedingungslos gewährt.
Hört ihr nicht das Echo seines ewigen Willens, seiner Gegenwart in euch
...
Wir schwiegen und wagten kaum zu atmen, um die lichtvollen Worte des
Meisters besser aufnehmen zu können. Jedes seiner Worte war eine zu
erforschende Welt, ein Stern des Friedens.
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Mich spricht das sehr an und es fällt mir im Moment nichts ein, was ich
hier noch ergänzend schreiben könnte. Wie geht es Euch damit liebe Leser/innen?
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